„Wir sind in der Münzstraße" steht auf einem Zettel, der von innen am Fenster der Kneipe „Zum Alten Schönhauser" klebt. Ein zweckloser Ausbruchsversuch. Sie sind eingekesselt. Immerhin haben sie es bemerkt, im Gegensatz zu den meisten Passanten, die achtlos über die Kreuzung gehen. Vom Goetheinstitut zum Bioladen, von der U-Bahn zum Comicshop, vom Alten Schönhauser, an dessen Fenster der Zettel klebt, hinüber ins Alcatraz. Sie sehen und hören nichts von der Schlacht, die um sie herum tobt. Touristen sind für solche Phänomene empfänglicher. Zwei Japaner kommen die Neue Schönhauser Straße herunter und zögern. Sie stehen unschlüssig auf der Kreuzung, werfen einen Blick auf den Stadtplan und wissen nicht wohin. An drei Seiten der Kreuzung stehen Plattenbauten. Hier ist das Ende der Neuen Mitte. Sie kehren um. Gefahr erkannt.
Der Konflikt klärt sich, wenn man eine deutliche Freund-Feind-Unterscheidung einführt. Angenommen die Plattenbauten seien der Seite der Römer zugeordnet. Und weiterhin angenommen, sämtliche Cafébars und alle in den letzten zwei neuen Schuhläden seien karthagisch. Eine an sich grundlose Annahme. Aber wie oft führt gerade die willkürlichen Setzung dazu, den in einem Szenario schwelenden Konflikt herauszuarbeiten. Es zeigt sich, daß die wenigen verbliebenen Plattenbauten an der Kreuzung fast ringsum von Schuhläden und Cafébars umstellt sind. Wir befinden uns in der Endphase einer Umfassungsschlacht. Berücksichtigt man nun die Aufmarschwege, die Himmelsrichtungen und den Verlauf in den letzten Jahren, so zeigt sich eine beinahe perfekte Übereinstimmung zum Muster der Schlacht von Cannae. Am 2. August 216 vor Christus erlitten dort die Römer unter den Konsuln Varro und Paulus gegen den Punier Hannibal eine ihrer verheerendsten Niederlagen. Die Übereinstimmungen zur Situation in Berlin-Mitte reichen bis in Details.
Neulich saß Christoph Schlingensief im Cantamaggio. Es befindet sich am anderen Ende der Alten Schönhauser Straße. Er wird nicht gewußt haben, daß er mit seiner Gegenwart in die Schlacht von Cannae eingreift. Als namenloser Numider, denn Livius erzählt Schlingensiefs Tat leider ohne den Namen Schlingensief zu erwähnen. Für den Verlauf der Schlacht war Schlingensiefs Eingreifen nicht unbedeutend. Die Römer haben ihr Lager verlassen und Stellung auf der Kreuzung bezogen. Der Zettel in der Eckkneipe könnte sich auf ihren Aufbruch beziehen. Die Schlacht kann beginnen.
Ein Blick in den Adidas-Shop auf der Münzstraße enthüllt ein Detail von Hannibals Plan. Dort steht der karthagische Befehlshaber Hanno mit zweitausend numidischen Reitern. Ein Turnschuh entspricht demzufolge etwa zehn Reitern. Die Schlacht wird nun nicht etwa an einem Tag nachgestellt, sondern in einem stark gedehnten Tempo. Sie zieht sich über einige Jahre hin. Und es dürfte noch eine Weile dauern, bis sie mit dem vollständigen Sieg der karthagischen Schuhläden ihr Ende findet. Bis zum heutigen Zweitpunkt hat sich folgendes abgespielt: es ist den Römern gelungen - die Plattenbauweise bestätigt es - bis zu Luccico in der Neuen Schönhauser Straße vorzustoßen und sich dort mit Sandalen zu versorgen, genauso wie im Gebrauchtschuhladen auf der Münzstraße gegenüber von Adidas. Um der Anschaulichkeit willen sollte man grob je zweitausend Karthager auf jeden Schuhladen, jeden Kleiderladen und jedes neu eröffnete Café rechnen. Die römischen Legionen werden durch die Plattenbauten dargestellt, ein Haus entspricht 12000 Römern. Neulich hat sich Karl Lagerfeld am oberen Ende der Neuen Schönhauser blicken lassen, wahrscheinlich in der Rolle des Hannibal. Ebenfalls wurde Horst Bredekamp hoch zu Drahtesel gesehen, wie er als karthagischer Reiter die Rosenthaler Straße überquerte. Obwohl Hannibal Lagerfeld im Zentrum zurückweichen mußte, sieht die Lage nicht zuletzt dank des Reitervorstoßes auf der linken Flanke für ihn wesentlich günstiger aus. Die römischen Truppen stehen eng beieinander und sind von Karthagern (Schuhläden, Bars, Klamottenläden) umstellt. Sogar in ihrem Rücken stehen die Karthager, dank der List Schlingensiefs.
Noch eine Bemerkung über die Himmelsrichtung. Mit ihrer Biegung entspricht die Neue Schönhauser Straße exakt dem Aufmarschweg der Karthager, die von Nordwesten kommend im Süden des römischen Heeres Stellung bezogen haben. Die Römer stehen auf der Kreuzung und rücken gegen Südwesten vor. Die Vormittagssonne blendet keinen der beiden Gegenüber, schreiben Livius und Polybios übereinstimmend, und jeder, der die Alte Schönhauser Ecke Münzstraße aufsucht, kann sich davon überzeugen, daß die Geschichtsschreiber Recht haben.
Der rechte Flügel der Römer stand ursprünglich vor der Eckkneipe „Zum Alten Schönhauser", der linke Flügel vor der Bob Ross-Galerie an der Ecke Münzstraße. Zwei Jahrtausende später hat Alfred Döblin seinen Helden Franz Biberkopf auf dem Weg zur Pfandleihe dort vorbeigehen lassen. Vielleicht hätte die Schlacht einen anderen Verlauf genommen, wenn Konsul Varro von Franz Biberkopf gewußt hätte.
Das karthagische Heer weicht vor den Römern gegen die Richtung der Einbahnstraße zurück. An seinen Flanken zu beiden Seiten der Neuen Schönhauser Straße wurde es in jüngster Zeit beträchtlich verstärkt: vor einigen Jahren mit dem Melting Point-Laden und jüngst wieder durch den Miss Sixty-Shop, den Herrenausstatter Respectmen, den Replay-Laden, sowie die Kleiderläden „Appartement" und „To die for". Die Römer stoßen über die Kreuzung vor bis zu der Eckkneipe im Plattenbau und es gelingt ihnen, den Luccico-Schuh laden in Besitz zu nehmen. Fünfhundert Numider unter Schlingensief geben vor, sich als Überläufer auf die römische Seite zu schlagen. Sie werden hinter die römischen Linien ins Cantamaggio an das andere Ende der Alten Schönhauser Straße geführt und stehen damit im Rücken der römischen Truppen. Kaum ist der Kampf in vollem Gang, nehmen „sie plötzlich die Schilde, die überall zwischen den Haufen von Leichen zerstreut lagen" und fallen den Römern in den Rücken.
Der römische Ausbruchsversuch, von dem zwar der Zettel an der Fensterscheibe nicht aber Livius oder Polybios berichten, scheitert. Am Ende wird man die Plattenbauten vernichten, um an ihrer Stelle weitere Schuhpaläste zu errichten. Die Invasion der Trendshops wird langsam aber sicher weiter die Alte Schönhauser Straße und die nähere Umgegend in Besitz nehmen. Einem vereinten Zangenangriff von Adidas, Camper und Miss Sixty kann niemand widerstehen, auch wenn die wirtschaftliche Lage viel eher die Wiedereröffnung von Biberkopfs Pfandleihe erforderte.
Was kann Berlin aus der Geschichte lernen? Nichts! Sagt Ranke - vor hundertfünfzig Jahren Professor in Berlin. Nichts! Aber Droysen - vor hundertfünfzig Jahren auch Professor auch in Berlin - sagt, „daß Geschichte nicht etwa bis Gestern reicht, sondern im Heute schaffend das Morgen vorbildet." Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: noch ist nicht restlos geklärt, wem die Stadt und die Sandale gehört.
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