Alexander Nemenov / AFP: Afghanistan, 21.11.2001, Le Monde Diplomatique 1/2003
Edgar Roskis, Journalist und Informationswissenschaftler, beklagt den Niedergang der Pressefotografie. Es zählt nicht mehr „the right man, at the right time, at the right place" zu sein (Bedingungen einer Präsenz, die in der Einstiegsszene von „The Big Lebowsky" so großartig ironisiert werden). Statt dessen gelten die Gesetze des politischen Eventspektakels. Die Welt, über die es zu berichten gilt, wird Effekten der Sensation geopfert. Ob das Foto zum Stil des Magazins passt, ist entscheidender als die Frage, was es von der Welt zeigt. Im Bild teilt sich mehr vom Stilwillen der Fotografen mit als von einer wie auch immer gearteten Wirklichkeit. Die abgebildeten Figuren treten nur noch als Repräsentanten der Politik auf, einerlei ob als Akteure oder Opfer. Das Korrektiv dieses Stilwillens besteht in der Auftragslage von Agenturen. So kommt die seltsame Auswahl von Abbildungen zustande, die politische Ereignisse als eine Art von visueller PR begleiten, als laufende Werbeeinblendung der positiven Kollateral-Nutzens von Feldzügen, Hungersnöten und IWF-Kampagnen.
Das Bild von Alexander Nemenov für AFP zeigt eine Gruppe verschleierter Frauen vor dem Hauptquartier der UNO-Hungerhilfe - aufgenommen in Kabul am 24.11.2001, zwei Wochen nach dem Anschlag von New York und einige Monate vor dem Beginn der militärischen Intervention. Es ruft ein wohlbekanntes Muster auf: eine Menschengruppe, aus der eine Person den Blick auf den Betrachter richtet. Der Blick verstärkt und personalisiert den platten Appell: eure Vorhut ist da und verteilt Lebensmittel. Nun hoffen wir auf den Rest: auf die Bomben, die uns von den Schleiern befreien. Bilder von den Bombardements werden nicht aufgenommen. Die Fotos vom Krieg zeigen entweder Spuren der Kriegsverbrechen, die als Verschwörungsphantasien denunziert werden, oder den Soldaten in seiner neuen Rolle: „Der Soldat tötet nicht mehr, er hilft.", schreibt Roskis.
Pierre Bourdieu: Bab el Oued, Algerien, 1959, Camera Austria, zur Ausstellung: P.B. Images de l’Algérie. Une affinité élective. http://interserver.homeip.net/camera-austria-press/bourdieu/
Zwischen 1956 und 1961 hielt sich Pierre Bourdieu für Feldforschungen in Algerien auf. Seine Fotos dokumentieren einerseits die anthropologische und soziologische Arbeit, andererseits seine starke affektive Verbundenheit mit dem Land. Das Fotografieren betrachtete er als Modell des Beobachtens, den Fotografen als Modell des Beobachters - nicht als illegitime Kunst, nicht als Distinktionsmodus in einem Feld feiner Unterschiede. In den Aussagen über seine Fotos tritt ein romantischer Wissenschaftler auf: „Ich habe keinen einzigen Augenblick lang vergessen, dass es sich dabei um Menschen handelte, Menschen, denen ich mit einem Blick begegnet bin, den ich – auch wenn ich befürchte, mich dadurch lächerlich zu machen – als liebevoll, oft auch gerührt bezeichnen möchte." Seine Weise zu fotografieren richtet sich gegen jene Selektionskriterien von Fotojournalisten mit Bildauftrag, die zu ihrem Objekt keinen anderen Kontakt pflegen als den, den das Objektiv ihnen gewährt. Aber die Nähe des Beobachters teilt sich auf den Bildern nicht mit. Aller Bemühung um Annäherung zum Trotz scheinen sie distanziert. Die Ökonomie der Not, der Umbruch des Befreiungskriegs, die gesellschaftlichen Konflikte zwischen Tradition und Europäisierung finden sich in den Aufnahmen Bourdieus wieder, aber die Verklärung von Nähe geschieht durch erst durch seine Aussagen. All die Indikatoren der Gegenwart, die Stimmen und Bewegungen, können Fotos nur durch Pathosformeln, Blicke oder Gesten konservieren. Dabei handelt es sich um genau jene Formeln, die mittlerweile durch ihren professionellen Einsatz diskreditiert sind.
|
|